RISS. Zeitschrift für Psychoanalyse. Nr. 101: Lacanitverstan: LACANsLEHREN. Hg. v.
Artur R. Boelderl
Peter Widmer
, 135141 (ISBN: 978-3-911681-04-9 978-3-911681-03-2, DOI: 10.21248/riss.2025.101.102).
Ⓒ Die Urheberrechte liegen bei den Autor*innen. Alle Inhalte, ausgenommen Bilder oder sofern anderweitig angegeben, stehen unter der Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License.

Cynthia Fleury, Hier liegt Bitterkeit begraben. Ressentiments und ihre Heilung, übers. v. Andrea Hemminger, Berlin 2023, Suhrkamp

Alissa Geffert

Die einzige Fähigkeit, in der das Ressentiment brilliert, ist: zu verbittern, die Persönlichkeit zu verbittern, die Situation zu verbittern, den Blick auf die Welt zu verbittern.

Max Scheler, Das Ressentiment im Aufbau der Moralen (zit. nach Fleury, S. 24)

Dorthin, wo die Bitterkeit begraben liegt, inmitten des politischen Ressentiments, begibt sich die Philosophin und Psychoanalytikerin Cynthia Fleury in ihrer in Frankreich vielgelobten Intervention Ci-gît l’amer. Guérir du ressentiment (2020). Diese nimmt sich eine Psychoanalyse des ressentimentgeladenen Subjekts vor, inklusive Heilungsvorschlag, und psychologisiert dabei freiheraus jenes politische Phänomen, das derzeit in allen demokratischen Gesellschaften anzutreffen ist. Um trotz allem in dieser Welt zu bestehen, ohne Ressentiment und Verbitterung, rät sie denen, die davon betroffen sind, zur analytischen Kur (S. 182). Gelingt dieser Rat ohne elitäre Anspruchshaltung an das Subjekt?

Fleury selbst bewegt sich an der Schnittstelle von politischer Philosophie und Psychoanalyse, zwischen Theorie und Praxis, ist Professorin für Geisteswissenschaften und Gesundheit am Conservatoire National des Arts et Métiers in Paris und arbeitet zugleich als Analytikerin. Am Hôpital Sainte-Anne hat sie außerdem eine Professur am chaire de philosophie à l’hôpital inne, den sie selbst eingerichtet hat: ein interdisziplinärer Lehrstuhl, der in der ansonsten stark neurowissenschaftlich ausgerichteten Psychiatrie der GHU Paris angesiedelt ist.

Ihre Intervention choreographiert die Autorin in drei Teilen, die im Originaltitel bereits in einem mehrdeutigen Wortspiel angekündigt sind: L’amer, das Bittere, klingt im Französischen genauso wie la mère, die Mutter; klingt wie la mer, das Meer. La mer, la mère, l’amer,all diese Phasen sind miteinander verknüpft, schreibt Fleury einleitend, und bezieht sich dabei metaphorisch auf die beiden notwendigen (Entwicklungs-)Prozesse der Individuation und der Sublimierung (für die Fleury den schwankenden Rhythmus des Meeres als Symbol einführt): »Jeder wird seinen eigenen Weg gehen, doch alle kennen die Verbindung zwischen der möglichen Sublimierung (la mer), der elterlichen Trennung (la mère) und dem Schmerz (l’amer), diese Melancholie, die sich nicht von selbst löst.« (S. 9) Das Bittere (l’amer), als Figur, ergänzt hier also la mère und la mer um eine leidvolle, aber unvermeidbare menschliche Dimension. Das Bittere bezeichnet bei Fleury eine anthropologische Gegebenheit, die allerdings in unterschiedlichen Graden integriert oder bewältigt werden kann. Ins Politische übersetzt, zeigt sich diese Bitterkeit in Form des Ressentiments (S. 18).

Eine sehr figurale, assoziative Sprache ist bestimmend für Fleurys Intervention, die sich durchweg zwischen politisch-philosophischem Manifest und hoch allegorischer Erzählung bewegt. Es ist nicht leicht, sich in der Symbolsprache der Autorin zurechtzufinden. Diese Rezension ist daher überhaupt ein Versuch, Grundlinien des Textes herauszustellen.

Der dreigeteilten Bitterkeits-Analyse ist noch ein Axiom vorangestellt, das als moralische »Parteinahme« (S. 9) die Richtung der Intervention bestimmen soll. Hier behauptet Fleury die immer bestehende Wahlmöglichkeit jedes Menschen, handeln zu können:

Hier gibt es eine Entscheidung, eine Parteinahme, ein Axiom. Dieses unantastbare Prinzip, diese regulative Idee lautet: Der Mensch kann, das Subjekt kann, der Patient kann […]. Es handelt sich um eine moralische und intellektuelle Wahl in dem Sinne, dass darauf gesetzt wird, dass der Mensch handlungsfähig ist, und vor allem wird der dem Patienten geschuldete Respekt auch von dieser Seite aufgerollt: Er kann, er ist Akteur, der Akteur par excellence. (Ebd.)

An anderer Stelle schreibt sie noch schärfer von der »Pflicht zur Sublimierung des Ressentiments« (S. 87). Schon bei dieser Setzung drängt sich die Frage auf, von wo aus Fleury spricht: Die intellektuelle Wahl treffen zu können, die sie fordert, mutet angesichts soziokultureller und auch unbewussterKontexte von Ressentiment-Strukturen idealistisch an. Fleury behauptet also, dass das Ressentiment vor allem strukturell-psychologisch im Menschen angelegt ist und sieht den einzelnen Menschen auch in der Verantwortung, es auf dieser Ebene mit ihm aufzunehmen.

Im ersten Teil des Buches geht es zunächst um die Definition und Dynamik des Ressentiments, welche die Autorin in einem Vielgespräch mit u. a. Max Scheler, Montaigne, Nietzsche, Hegel, Cornelius Castoriadis oder Wilhelm Reich zu konkretisieren versucht. Mit dem Phänomenologen Scheler bestimmt Fleury das Ressentiment als das »wiederholte Durch- und Nachleben einer bestimmten Antwortsreaktion gegen einen Anderen«, welche sich tief in das Zentrum der Persönlichkeit einsenke (S. 18f.). An dieser Beschreibung der affektiven Auslegung des Ressentiments setzt auch das Bitterkeitsgleichnis an, denn Fleury vergleicht das Ressentiment mit einer vom Kauen ausgelutschten Speise (S. 19). Mit zunehmendem Ressentiment nehmen innere Divergenzen ab, das Ressentiment sei »Verengung« (S. 80) und »Trägheit« (S. 55) der Seele.

Konkreter wird es, wenn Fleury versucht, dem politischen Ressentiment eine Diagnose zu verpassen – und Pathologien des Ressentiments entlang des DSM-IV klassifiziert. Hier spricht sie sogar von »Ressentimentstörung« (S. 88) und zeichnet Analogien zwischen politischen Ressentiments und psychotischen oder narzisstischen Funktionsweisen nach. Eine Ressentimentstörung könne als eine solche bezeichnet werden, wenn »invasive und sich wiederholende« (S. 92) Strukturen bestehen. Diese Strukturen zeichnen sich durch eine systematisch negativistische, feindselige und rachsüchtige Haltung aus (S. 88) – und können auch schon in der Kindheit bestehen, etwa in Form der Unfähigkeit, mit der elterlichen Trennung (la mère) umzugehen (S. 89). Es gebe eine Reihe an Pathologien des Ressentiments, die diese Strukturen beinhalten, darunter zählen auch Formen der Schizophrenie mit Verschwörungswahn (S. 91).

Das Ressentiment sei stets fixiert gegen den anderen, es sei nicht-relational. Ihm sei auch nicht notwendig eine traumatische Erfahrung vorangegangen. Im Abwehrmechanismus Ressentiment habe das Subjekt seine Fähigkeit zur Symbolisierung und Sublimierung verloren (S. 91) und könne die drei Figuren la mère, la mer und l’amer nur getrennt voneinander erleben.

Auf einer zweiten Ebene führt Fleury die Entstehung des Ressentiments, ebenfalls mit Scheler, recht holzschnittartig auf ›die Demokratie‹ zurück, welche ihrer Struktur nach ein System sei, das Ressentiments hervorrufe (S. 25). Das Ressentiment entstehe durch eine Diskrepanz zwischen anerkannter rechtlicher Gleichheit und der Realität konkreter Ungleichheiten (S. 29). Trotz der Aufgabe der Politik und eines Rechtsstaates, soziale Bedingungen zu schaffen, die Ressentiments eindämmen, könne sich kein Individuum auf dieser Pflicht ausruhen (S. 68), sondern müsse selbst ins Handeln kommen. Fleurys Verständnis von individueller Verantwortlichkeit meldet sich hier also zurück.

Schon folgt auch ein erster Heilungsvorschlag: Fleury ist der Auffassung, dass es bei den Menschen in der Fähigkeit, zu ihrem eigenen Ressentiment auf Distanz zu gehen, radikale Unterschiede gibt (S. 16). »Jeder durchläuft es, jeder lässt sich von seinen Impulsen überrollen, aber nicht jeder wird zu seiner endgültigen Beute.« (S. 145) Die Fähigkeit also, das eigene Ressentiment zu befragen, muss erarbeitet werden. Um die Welt wieder libidinös in Beschlag nehmen zu können (S. 67), muss das Subjekt in die analytische Arbeit gehen, und dort gemeinsam seine Hartnäckigkeit bekämpfen. Fleury merkt aber auch die Schwierigkeit dieser Behandlung an: »Die Neigung, sich einer Interpretation zu verweigern, die aus dem Tief herausführen könnte, ist überhaupt sehr typisch für das Ressentiment – sei es psychotisch oder schwer neurotisch.« (S. 98)

Im zweiten Teil des Buches beschäftigt sich die Autorin mit der Entstehung des kollektiven Ressentiments. Auch hier holt sie Genese und Veränderbarkeit des Ressentiments primär nach innen und beschreibt sie anhand einer individuellen und erlebenden Perspektive. Entlang von Theodor W. Adorno und seiner Exil-Erfahrung versucht sie hier Sublimationsfähigkeiten aufzuzeigen, die Adorno vor Ressentiments und Bitterkeit haben bewahren können (S. 124). Auch das soziologische Jahrhundertwerk Norbert Elias’ zieht sie als gelungenen Versuch der Transformation, Sublimierung und Symbolisierung von Bitterkeit/Ressentiment heran (S. 132). Die Ausführungen zur Fähigkeit Adornos, »die Frustration zu sublimieren und dem ressentimenthaften Überborden« (S. 139) etwas entgegen zu setzen, verbleiben aber genauso deskriptiv wie ihr erster Heilungsvorschlag. Zudem orientiert sich Fleury in ihrer Sublimierungstheorie an herrschenden kulturellen Standards: Für sie sind es vor allem die Geisteswissenschaften, die Kunst, die Literatur, alle ästhetische Erfahrung, die einen möglichen Ausweg aus dem Ressentiment bilden können (S. 241). Später im Text heißt es dann: »Sobald das Wi-Fi […] nicht mehr funktioniert, herrscht in den armseligen geistigen Behausungen Panik« (S. 285).

Mit allen Augen sieht die Kreatur das Offene – diese Zeile aus Rainer Maria Rilkes achter Duineser Elegie schwebt über dem letzten Akt der Intervention, die ganz dem Heilungsversprechen gewidmet ist. Das Offene zu wählen, bedeutet für Fleury, das Neue zu wagen und das Staunen wieder zu erlernen (S. 78). Dieser Prozess ist aber kein leichter, sondern analog zu einem psychoanalytischen Prozess mitunter langwierig und schmerzlich. Auch mag das Danach von der Enttäuschung geprägt sein, nicht die süße Fülle zu empfinden, nach der man sich gesehnt hat (S. 101).

In diesem letzten Teil bezieht sich Fleury stark auf den postkolonialen Theoretiker und Psychiater Frantz Fanon, in dessen Aufforderung zum Behandeln und Handeln sie ihr eigenes Axiom gespiegelt sieht (S. 197). Fanon selbst schrieb und behandelte gegen die »ressentimentgeladene Psychose« (S. 203) an und betonte den Kampf gegen sich selbst und den eigenen Opferstatus, anstatt sich gegen andere zu richten (S. 206). Alles, was diesen Kampf anfeuert, was der Bitterkeit nur den geringsten Geschmack wiederzugeben vermag, könne als Beginn eines Heilungsprozesses vom Ressentiment gelten (S. 312).

Fleurys Intervention liest sich als Plädoyer für das Unbestimmte, mutmachend, die analytische Herausforderung anzugehen, etwas affektiv neu zu erschaffen, was es nie gegeben hat (S. 60). Die Intervention schwankt zwischen Bevormundung und Zumutung und hat auch noch ein anderes, sehr grundlegendes Problem: Das analytische Arbeiten an ressentimenthafter Struktur, individuell wie kollektiv, erfordertdie Handlungsbereitschaft des Subjekts. »Es ist unmöglich, das Ressentiment zu heilen, ohne dass der Wille in Aktion tritt« (S. 25), weiß die Autorin selbst. Und vergisst dabei, dass das womöglich ein Zirkelschluss ist. Welches ressentimentgeladene Subjekt will sich verändern?

Die Autorin nimmt das philosophische, politische und klinische Problem des Ressentiments mit einer symbolisch aufgeladenen, poetischen Sprache in Angriff. Das geht zuweilen zu Lasten der argumentativen Überzeugungskraft, ja der Verständlichkeit. Andererseits gelingt es ihr auf diesem Wege, Worte für (bzw. gegen) das Ressentiment zu finden. Sie kommt der Bitterkeit sprachlich so nah sie kann, nähert sich ihr, um sie schließlich am Nacken zu packen. Die Literatur als Stütze zu nehmen, das macht die Autorin den Lesenden so selbst vor.