RISS. Zeitschrift für Psychoanalyse. Nr. 101: Lacanitverstan: LACANsLEHREN. Hg. v.
Artur R. Boelderl
Peter Widmer
, 143144 (ISBN: 978-3-911681-04-9 978-3-911681-03-2, DOI: 10.21248/riss.2025.101.105).
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Grenzenlose Perversion

Eine Kurzrezension zu Avgi Saketopoulou, Sexuality beyond Consent. Risk, Race, Traumatophilia, New York 2023, New York University Press

Une perversion illimitée

Bref compte rendu du livre d’Avgi Saketopoulou, Sexuality beyond Consent. Risk, Race, Traumatophilia, New York 2023, New York University Press

Limitless perversion

A short review of Avgi Saketopoulou, Sexuality beyond Consent. Risk, Race, Traumatophilia, New York 2023, New York University Press

Hannes Halter

I have, in fact, written this book imagining you giving yourself over to me, which is a strange thing to say given that I do not know you. Neither do you. Let us begin. (S. 23)

Mit ihrem 2023 erschienenen Buch Sexuality beyond Consent. Risk, Race, Traumatophilia lädt Avgi Saketopoulou die Leserschaft ein, sich auf eine tiefgehende Auseinandersetzung mit den Themen Sexualität, Trauma und Konsens einzulassen. Ausgehend von einer enigmatisch-perversen Sexualität evoziert sie die Begegnung mit dem Anderen – sowohl in als auch außerhalb des Egos. Saketopoulous Forderung, sich ihren Gedanken zunächst hinzugeben, wirkt daher fast wie eine Einladung zur Selbstreflexion, über die eigene Sexualität und deren Grenzen, welche sie im Folgenden darlegt.

Im Zentrum ihres Projektes steht dabei das Denken um die transgressive Kraft der Perversion. Diese begreift sie nicht als eine spezifische psychische Struktur, sondern als polymorph-perverse Sexualität und lokalisiert diese, qua Trieb und Unbewusstem, in allen Menschen. In sexuellen Momenten, in denen Erfahrung und Lust an Grenzen getrieben werden, entdeckt Saketopoulou Formen der Perversion als Kräfte, psychische Traumen produktiv zu behandeln. Anstatt sich auf die Wiederholung und das Durcharbeiten von Traumen zu konzentrieren, schlägt sie vor, einen Umgang mit diesen zu finden und somit ungeahnte Potentiale freizusetzen. Saketopoulou entwickelt diesen Gedanken weiter und prägt den Begriff des Limit Consent (Grenzzustimmung), der nicht die affirmative Aushandlung von Grenzen zum Ziel hat, sondern bewusst deren Überschreitung – also Transgression – in Kauf nimmt. Ihre Auseinandersetzung gipfelt in der Besprechung des 2018 prämierten Theaterstücks Slave Play von Jeremy O. Harris. Hierin wird die politische Dimension ihres Projekts deutlich, denn die Begegnung mit der opaken sexuellen Andersheit, die perverse Akte provozieren, berührt zugleich rassistische Wunden. Dieses Theaterstück fungiert dabei fast wie das In-Szene-Setzen ihrer psychoanalytischen Theorie und der Einfluss desselben, auf die Entstehung ihres Buches, ist nicht zu unterschätzen.

Saketopoulou führt die Lesenden in Sexuality beyond Consent performativ an ihre eigenen Grenzen: Themen wie Piss Play, Bondage oder Sadismus werden aufgegriffen, um einen Kontakt zur eigenen verborgenen perversen Sexualität herzustellen. In ihrem Denken über Perversion entwickelt sie einen Sog, der die Lesenden für das geforderte Vertrauen belohnt. Zudem bleibt Saketopoulou gewissen Grundprämissen der Psychoanalyse treu, erweitert ihren Ansatz jedoch über dieses Gebiet hinaus, indem sie ebenfalls wertvolle Impulse für Debatten in der Queer Theory, im Feminismus oder in der Ästhetik liefert. Inwieweit sie jedoch mit ihrem weiten Verständnis der Perversion einen substanziellen klinischen Beitrag zum psychoanalytischen Diskurs leistet, bleibt zweifelhaft. Zwar gelingt es ihr, den Begriff anschlussfähig zu machen und für neue Denkansätze zu öffnen, doch bleibt unklar, ob dies ausreicht, um das Phänomen umfassend zu begreifen. Zudem könnte der Vorwurf laut werden, dass sexuelle Perversion dadurch auf einen bloßen Turn-on oder Kink reduziert wird, anstatt diese in ihrer Eigenart zu begreifen.