Siegfried Zepf und Dietmar Seel, so wird bei der Lektüre des neuen Buches der beiden marxistischen Psychoanalytiker schnell deutlich, muss man sich vorstellen als knallharte materialistische Aufklärer, die vom Vagen, Unverständlichen und Unbestimmten wenig halten. In dem im Herbst 2024 erschienenen Buch geht es ihnen um die hieb- und stichfeste Anerkennung der Tatsache, d. h. um den »wissenschaftlichen Nachweis« (S. 22), dass unsere Neurosen gesellschaftlich bedingt sind. Während es dem »herrschenden Interesse« genügen würde, »Krankheitsbilder festzustellen« (S. 34), wagen sich Zepf & Seel an die »soziogene Morbidität« (S. 12) und sehen sich dabei vor die Aufgabe gestellt, die Psychoanalyse in eine materialistische Sozialisationstheorie zu integrieren. Zu diesem Zweck haben sie sich vorgenommen, ein weiteres Mal das Problem der Vermittlung von Psychoanalyse und Historischem Materialismus aufzuwerfen.
Ihr diesbezüglicher Schlachtplan sieht zunächst die Verteidigung des Historischen Materialismus sowie die Entkräftung von grundsätzlichen Einwänden gegen die Vermittlung von Historischem Materialismus und Psychoanalyse vor. Die Autoren lassen dabei an ihrer marxistischen Überzeugung keinen Zweifel aufkommen: demnach ist der Historische Materialismus eine fehlerlose Wissenschaft, deren Prognosen allesamt richtig waren, wenn man sie nur richtig versteht, und die Wahrheit des Historischen Materialismus ist auch nach 150 Jahren durch keinen Einwand entkräftet worden. Einzig die Vermittlung mit der psychoanalytischen Theorie scheint dem Marxismus noch zu fehlen; dass diese Vermittlung zum ersten möglich und zum zweiten notwendig ist, ist für Zepf & Seel ebenso sicher und so läuft etwa das Kapitel Psychoanalyse und Historischer Materialismus: Gemeinsamkeiten und Unterschiede nach der Feststellung, dass sich die jeweiligen Erkenntnisgegenstände unterscheiden, auf eine Aufzählung epistemologischer und methodologischer Gemeinsamkeiten hinaus. Der Weg für die Vermittlung scheint also eigentlich bereitet – nur durch ein einziges Hindernis wird diese noch behindert: durch den Triebbegriff der Psychoanalyse. Dieser sei nämlich der Grund für das bisherige Scheitern der Vermittlung von Psychoanalyse und Historischem Materialismus, denn »während die Psychoanalyse das menschliche Verhalten von ahistorischen Triebwünschen angetrieben sieht, betritt in historisch-materialistischer Sicht das menschliche Individuum die Welt nicht als präformiertes, mit inhaltlich bestimmten Triebwünschen ausgestattetes Wesen« (S. 118).
Die nötige Revision, die zwecks der Vermittlung von Psychoanalyse und Historischem Materialismus von Zepf & Seel vorgeschlagen wird, erweist sich – wieder einmal – als einseitig: denn während der Historische Materialismus fehlerlos sei, müsse die Psychoanalyse ihre Annahme eines »präformierten, mit inhaltlich bestimmten Triebwünschen ausgestatteten« Triebes überwinden. Dafür erkennen Zepf & Seel in Jean Laplanche den passenden Bundesgenossen: Laplanche weise Freuds Triebbegriff als eine Erscheinungsform des Unbewussten der Eltern im Kind aus und »enträtsele« damit die Triebnatur des Menschen als eine Erscheinungsform seiner gesellschaftlichen Natur bzw. »entschlüssele« sie als naturhaft verkannte Erscheinungsform des Sozialen (S. 44). Der daran anschließend von Zepf & Seel vorgeschlagene Vermittlungsversuch basiert auf einer Verkoppelung dreier Glieder, welche da sind: der geläuterte Triebbegriff von Laplanche, die Theorie der Interaktionsformen von Alfred Lorenzer und der Bedürfnisbegriff bei Marx in seiner Interpretation durch die ungarische Philosophin Ágnes Heller.
Heller beschäftigt sich in ihrer Arbeit Theorie der Bedürfnisse bei Marx mit den verschiedenen Facetten des Bedürfnis-Begriffs bei Marx, der die »geheime Hauptrolle« in dessen Werk spiele. Zepf & Seel beziehen sich vor allem auf einige Stellen des Werkes, an denen Heller auch jene Bedürfnisse, die von Marx als »natürlich« bezeichnet werden, als letztlich gesellschaftlich bedingt interpretiert, da die Art und Weise seiner Befriedigung das Bedürfnis bestimme und dadurch vergesellschafte. So falle die Erzeugung der Mittel zur Befriedigung eines Bedürfnisses mit der Erzeugung dieses Bedürfnisses selbst zusammen. Zepf & Seel verknüpfen diese Überlegungen mit der Psychoanalyse, indem sie Freuds berühmte Beschreibung des Befriedigungserlebnisses vor allem interaktionell lesen: die Mutter qualifiziere durch ihre Reaktionen auf das kindliche Verhalten »den abstrakten Bedarf des Kindes in spezifische Bedürfnisse für das Kind« (S. 170). Mit Blick auf Laplanche versuchen die Autoren, diese Figur auf die »sexuellen Bedürfnisse« zu übertragen – Laplanches Überlegungen zur Allgemeinen Verführungstheorie, die Zepf & Seel als das Entstehen von »Ersatzbildungen des elterlichen Unbewussten aufseiten des Kindes« (S.171) zusammenfassen, würden mit Lorenzers Überlegungen zur Sozialisation in Interaktionsformen gut zusammenpassen. Die Autoren gelangen zu folgender Vermittlungsformel:
»Wie in Lorenzers Konzept zwingen auch in unserer Konzeption zwar Bedürfnisse das Individuum, sich in Beziehung setzen; aber sowohl die großen Körperbedürfnisse wie die Ersatzbildungen des elterlichen Unbewussten erwachsen selbst aus der Interaktion als deren Resultat. Die hergestellte Form des Interagierens ist eine körperliche Ersatzbildung des mütterlichen und väterlichen Unbewussten, und der Drang, diese Interaktion zu wiederholen, gründet anfänglich im Unbewussten der Eltern. […] Wir haben gesehen, dass die sexuellen Bedürfnisse, von denen wir handeln, in der körperlichen Gestalt von Ersatzbildungen des mütterlichen und väterlichen Unbewussten strukturell mit den natürlichen Bedürfnissen, von denen Marx und Engels sprechen, gleichartig sind. Wie die natürlichen müssen auch die in Gestalt von Ersatzbildungen des elterlichen Unbewussten auftretenden sexuellen Bedürfnisse des Kindes befriedigt werden, wenn das Individuum am Leben bleiben soll. Beide Bedürfnisarten existieren objektiv als Möglichkeiten im Neugeboren, werden in der sozialisatorischen Praxis verwirklicht, indem im Prozess der Befriedigung ihre subjektive und konkret-wirksame Existenzform hergestellt wird.« (S. 171).
Der Ansatz von Zepf & Seel läuft also darauf hinaus, dass einerseits Laplanche zur Hand genommen wird, um die Versuche von Lorenzer, eine materialistische Sozialisationstheorie zu formulieren, zu erweitern. Auch Lorenzer sei nämlich Zepf & Seel zufolge an seinem Triebverständnis gescheitert, weil nach seiner Vorstellung durch das mütterliche Interaktionsangebot »aus dem Set möglicher Triebwünsche bestimmte Triebwünsche selektiert« werden würden (S. 109) – was für Zepf & Seel bedeutet, dass Lorenzer an dieser Stelle einem veralteten Triebverständnis im Sinne von präformierten Trieben anhängt. Mit Laplanche führen sie hier das elterliche Unbewusste in Lorenzers Eltern-Kind-Interaktion ein, welches als Quell-Objekt an Stelle dieses Sets möglicher Triebwünschen tritt. Andererseits formulieren Zepf & Seel Laplanches Überlegungen im Sinne von Lorenzers Interaktionsformen aus, wenn sie z. B. deutlicher als Laplanche betonen, dass es darum gehen würde, eine Einigung zwischen Eltern und Kind bezüglich einer »Form des Interagierens« zu finden, oder davon sprechen, dass die Eltern ihre »verpönten Bestrebungen« dem Kind in einem »szenischen Ablauf« vorführen müssten (S. 163). Sowohl die »sexuellen Bedürfnisse« als auch die »biologischen Bedürfnisse« würden dabei in der Interaktion bzw. im Prozess ihrer Befriedigung hergestellt. Der zentralen Frage, wie sich die beiden »Bedürfnisarten« eigentlich zueinander verhalten sollen, widmen sich die Autoren jedoch nur oberflächlich: werden sie einfach parallelisiert, dann bleiben Zepf & Seel hinter dem eigenen Anspruch auf eine innere Vermittlung zurück, werden beide unter eins subsumiert, dann geht entweder das zur Interaktion treibende biologische Moment oder jene sexuelle Spezifik des Triebes verloren, um die es Laplanche geht. Zepf & Seel verweigern hier gewissermaßen eine Antwort und verallgemeinern Laplanches Allgemeiner Verführungstheorie ein weiteres Mal: wo es Laplanche um die Einkreisung des Triebes als genuinem Erkenntnisobjekt der Psychoanalyse geht, sprechen Zepf & Seel lieber von »Bestrebungen« und wollen den Begriff des Triebes ganz loswerden (schon vor mehreren Jahrzehnten hatte Zepf diese Umdeutung der Triebe zu Bedürfnissen vorgenommen, die in der Sozialisation hergestellt werden).
Richtig ist zwar die Feststellung von Zepf & Seel, dass der psychoanalytische Triebbegriff einen Stachel in den Vermittlungsversuchen von Psychoanalyse und Historischem Materialismus bildet, und richtig ist auch, dass zum Teil eine Biologisierung stattgefunden hat, indem man »das Subjekt lediglich als ein Naturobjekt begriffen [hatte], welches Naturgesetzen unterliegt, und damit als das verkannt [hatte], zu dem es in der bestehenden Gesellschaftsform geworden war: ein Objekt, welches bewusstlos der Herrschaft entfremdeter Verhältnisse unterliegt« (S. 185). Zieht man aber den nervigen Stachel Trieb, dann geht auch jene Dimension verloren, bei der es um die strukturelle Entzogenheit des Objektes in der Erfahrung des Subjekts geht, durch welche auch die Repräsentation im Symbolischen noch einmal unterlaufen wird. Zwar wird in der Darstellung der Autoren deutlich, dass das Bedürfnis in einem gesellschaftlichen Code ausgedrückt bzw. symbolisch eingeordnet werden muss, allerdings wird in ihrer Darstellung unterschlagen, dass es dabei ein Scheitern nicht nur bezüglich der biologischen Bedürfnis-Homöostase des Individuums, sondern auch bezüglich der sozialen Homöostase gibt. Bezeichnend ist dabei, dass Zepf & Seel, während ihnen eine Parallelität zwischen dem Zusammenfallen von der Bedürfnisbefriedigung und der Erzeugung des Bedürfnisses bei Marx und dem Zusammenfallen der Befriedigung und des Auftauchens des Bedürfnisses in der psychoanalytischen Beschreibung des Befriedigungserlebnisses auffällt, keinen Gedanken an die Nachträglichkeit verschwenden – gerade die Nachträglichkeitsstruktur zeichnet aber verantwortlich für die Entzogenheit des Objekts, mit der es die Psychoanalyse zu tun hat, denn das fundamentalen Scheitern der Wunscherfüllung, d. h. das Misslingen der Herstellung einer Wahrnehmungsidentität, gründet in der nachträglichen Struktur. Dieses Scheitern liegt noch vor der Hinwendung zum äußeren Objekt und somit auch noch vor jener Qualifizierung des biologischen Bedarfs als Bedürfnis, durch welche sich das Subjekt in der Realität und in der Interaktion mit der Mutter verortet. Mit der Ersetzung des Triebes durch den Begriff des Bedürfnisses verlängern Zepf & Seel hier gewissermaßen ein Problem, das schon bei Laplanches Lesart vom Freudschen Befriedigungserlebnis angelegt ist: den primären Wunsch als halluzinatorisch erfüllbar zu verstehen, bei diesem bereits von einem Objekt zu sprechen und zu unterschlagen, dass der Wunsch erst nachträglich ein Objekt gehabt haben wird. Wenn Zepf & Seel im Folgenden das Unbewusste als einen Bereich bezeichnen, der sich der kapitalistischen Verdinglichung noch entzieht (S. 214), kann das, weil diese Dimension zugunsten der Idealisierung eines selbstkonsistenten Bedürfnis-Subjekts vernachlässigt wird, nicht begründet werden.
Man kommt dabei nicht umhin, dass sich in all der Selbstgewissheit, mit der Zepf und Seel ihre den Trieb rational einfangende, konsistente Metatheorie präsentieren, ein Unbehagen einschleicht: wenn die Überzeugungskraft der beiden Autoren nachlässt, dann beginnen sie wie zwei ungeduldige Alchemisten zu wirken, die sich an der freudomarxistischen Hoffnung vom Auffinden der großen theoretischen Synthese, von der endgültigen wissenschaftlichen Verrechenbarkeit von Psychoanalyse und Marxismus, festgebissen haben und in fester Überzeugung, dass es sich nicht um eine reale Unmöglichkeit der großen Synthese handelt, sondern ausschließlich um eine Lücke des Wissens, gegen das Nichtwissen zu Felde ziehen. Mit dem Nichtwissen wollen sich Zepf & Seel keinesfalls zufriedengeben; für sie müssen, so wird deutlich, Psychoanalyse und Historischer Materialismus unbedingt von ihren irrationalen Mucken befreit und klare und kategorial nachvollziehbare Erklärungen zum Verhältnis von Gesellschaft und Subjekt gefunden werden. Dem gesunden Zweifel am eigenen, vermeintlich konsistenten System hätten die Autoren dabei mehr Raum geben können – z. B., indem die Unvollständigkeit der bisherigen Theoriesynthese auch als Zeichen einer realen Grundstruktur der kapitalistischen Gesellschaft, einer Entzweiung von Gesellschaft und Individuum, verstanden worden wäre. Dann wäre auch das Eingeständnis der Unvollständigkeit des eigenen Wissens weniger ängstigend gewesen (sowohl in Bezug auf eine »unvollständige« Sozialisationstheorie, die dann möglicherweise tatsächlich eine Lücke oder eine Unmöglichkeit des sozialisationstheoretischen Rahmens abbildet, als auch in Bezug auf den Trieb, bei dem man es dann möglicherweise tatsächlich mit Repräsentanzen zu tun hat, über deren exakter Herkunft ein Schleier des Nichtwissens liegt, der eine Grenze der analytischen Methode anzeigt). Anstatt sich dem Vermittlungsproblem – auch nach der Lektüre des Buches von Zepf & Seel bleibt es das: ein Problem – ausführlicher zu widmen oder die zentralen Vermittlungsbegriffe – die Interaktionsformen von Lorenzer, die Marxschen Bedürfnisse und ihre Interpretation bei Heller, sowie die Allgemeine Verführungstheorie von Laplanche – ausführlicher gegeneinander zu wenden, scheinen Zepf & Seel Laplanches Überlegungen eher als glücklichen Fund zu verwenden, der eine Leerstelle in der Formulierung ihrer Sozialisationstheorie füllen soll.
Stattdessen hätten Zepf & Seel mehr Gedanken darauf verwenden können, dass man, obwohl die beiden sehr deutlich machen, dass sie das Bedürfnis nicht einfach mit der nackten Biologie identifizieren, nicht umhinkommt, bei dem für ihren Vorschlag zentralen Begriff des Bedürfnisses etwas festgelegt Biologisches mitzuhören. Das nämlich zeugt nicht nur von einem Alltagsbegriff vom Bedürfnis, der einfach zufällig falsch-biologisch und durch die richtige Ansprache durch einen anderen zu ersetzen wäre, sondern entspricht einer kapitalistischen Wirklichkeit, in welcher, wie Marx in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten feststellt, die menschlichen Sinne den »rohen, praktischen Bedürfnissen« untergeordnet werden und die Bedürfnisse »abstrakt« gemacht werden, indem sie auf bloße Bedürfnisse der Selbsterhaltung reduziert werden. So ist die Kategorie selbst Produkt einer Gesellschaft, in der Knappheit und Mangel aufrechterhalten werden.
Trotz der an einigen Stellen unnötigen Ausführlichkeit und der Ungeduld an jenen Stellen, an denen etwas mehr Zweifel- und Diskussionslust wertvoll gewesen wäre, gibt es in Zepf & Seels Arbeit das kreative Moment der Zusammenführung bisher nicht zusammengebrachter Ansätze (Heller, Lorenzer, Laplanche), wodurch das Buch als durchaus fruchtbare Inspiration lesen kann, wer sich Gedanken um das Verhältnis von Gesellschaft und Subjekt macht. Auch der in dem Buch immer wieder formulierte Einspruch gegen eine psychoanalytische Praxis, die sich gemütlich im Individualismus eingerichtet hat und dabei weder die Voraussetzungen ihrer eigenen ökonomischen Verortung reflektiert noch die Konsequenzen, die diese für die eigene Theorie-Produktion hat, ist in dieser Hinsicht eine wichtige Erinnerung. Legt man den Anspruch an, dass Zepf & Seels Vorschlag die finale Großtheorie ist und die Akte geschlossen werden kann, dann muss man natürlich von einem Scheitern sprechen. Glücklicherweise jedoch braucht es eine solche Großtheorie nicht, um Psychoanalyse und Historischen Materialismus produktiv zu konfrontieren.