RISS. Zeitschrift für Psychoanalyse. Nr. 101: Lacanitverstan: LACANsLEHREN. Hg. v.
Artur R. Boelderl
Peter Widmer
, 155161 (ISBN: 978-3-911681-04-9 978-3-911681-03-2, DOI: 10.21248/riss.2025.101.109).
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Kai Rugenstein, Übertragung, Gießen 2024, Psychosozial-Verlag

Karl-Josef Pazzini

»Mit der Übertragung ist es ja überhaupt ein Kreuz […]« (Freud an Pfister)

Das Buch vereinigt in sich eine handbuchartig systematische Abhandlung und einen historischen Überblick der widerwilligen allmählichen Verfertigung des Übertragungskonzeptes bei Freud und folgender wichtiger Übersetzungen des in sich schon bei Freud gemessen an den Forderungen damaliger und heutiger Wissenschaft nicht ganz konsistenten Konzeptes. Mit den durch Zitate belegten Variationen erschließt sich auch, warum das so ist, und macht Lust, weiter psychoanalytisch zu denken – als Wissenschaftler.

Kai Rugenstein ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Psychoanalytiker (DPG und DGPPT)

Das Buch erscheint in der Reihe Analyse der Psyche und Psychotherapie. Diese Reihe »erläutert Konzepte und Begrifflichkeiten der Psychoanalyse auf dem neuesten Stand der wissenschaftlichen Diskussion, zeichnet historische Entwicklungen nach und stellt sie in ihrer Bedeutung für die Therapie aller Schulen dar.«

Wie in der Reihenbeschreibung wird auch im Buch der Übergang zwischen Psychoanalyse und Psychotherapie nicht eigens beachtet. Das ist wohl ein Effekt der Übertragung von Psychoanalytikern auf Freud, der Einstellung von Analytikern zu ihrer Arbeit, denen die Übertragung von Analysantinnen und Analysanten entgegenkommt. Ein Wunsch nach Behandlung ist eine zunächst förderliche Unterstellung, jemanden anzutreffen, der weiß und ahnt, was gut für einen ist, und auch in der Lage ist, das programmatisch umzusetzen. Und es genauso interessant, zu spüren und zu begreifen, was das mit Analytikerinnen und Analytikern macht.

Kai Rugenstein bringt das Ubiquitäre der Übertragung auf den ersten Seiten seines Buches ins Spiel, wenn er darauf hinweist, dass Leser auch auf Texte übertragen. Er spannt die Weite des Begriffs auf: Überweisungen, Krankheiten, Botschaften, Affekte, usw. sind an Übertragung beteiligt. »Im Vordergrund der Übertragung steht ein Prozess, dem gegenüber die an diesem Prozess beteiligten Akteure oder Akteurinnen in den Hintergrund treten.« (8) Übertragung macht mit den Beteiligten etwas im Moment der Übertragung selbst.

Solche feinen Differenzierungen wechseln sich ab mit tabellarisch schematischen Darstellungen, wie sie von einer Art Lehrbuch erwartet werden. Letztere signalisieren auch, dass Übertragung verwirrt und proaktiv oder retroaktiv einen ordnenden Impetus wachruft.

Zunächst und immer wieder hat es den Anschein, dass Übertragung und Gegenübertragung schon existierende und gut trennbare Prozesse wären. Rugenstein liefert selbst Belege dafür, dass weder die Relation zesse, ja nicht einmal due Separierbarkeit beider Richtungen geklärt ist. Ein Konzept der Gegenübertragung als »Motor des analytischen Prozesses […] begann erst mehrere Jahrzehnte nach Freuds Tod« (52) wirksam zu werden. Hat das zu tun mit der Parallelentwicklung immer bürokratischer werdenden Vorstellung von psychoanalytischer Ausbildung, die dann auch immer länger dauert? Rugenstein zeichnet nach, dass Freud die Notwendigkeit eines Aufsatzes über Gegenübertragung sah, von dem er gleichzeitig schreibt, dass ein solcher »unter uns in Abschriften zirkulieren« müsste, also keineswegs öffentlich. Der Rezensent ergänzt, dass das der Seriosität und Wissenschaftlichkeit wegen fehlender sicherer Trennung vom Objekt Abbruch getan hätte. Freud hatte die Hoffnung die Gegenübertragung in den Griff zu bekommen, jene Position, in die der Analytiker vom Analysant »versetzt wird«, so Freud an Jung (56). »Versetzen« muss nicht, wie Rugenstein suggeriert, heißen, dass Freud gemeint habe, dass es sich um eine bloße Reaktion handeln müsse. Das würde nur dann so sein, wenn der Analytiker mit seinem Handeln nicht in die Nähe eigener Wünsche, eines eigenen Begehrs käme. Ein solches wird es geben müssen, sonst wäre Analytiker so tot, wie sie sich manchmal hinter der Couch stellen und es gäbe nur paradoxe heilende Nebenwirkungen der Analyse. Das Buch lässt sich sehr gut als Training dafür benutzen, die Gewissheit der Trennbarkeit zu befragen. In der Übertragung auf die Psychoanalyse als Theorie und Praxis hat der Rezent das bei Jacques Lacan gefunden. Seine Anläufe, Übertragung zu reformulieren und den Status der Gegenübertragung darin zu umreißen, kommt Lacan ähnlich wie Freud zu Konsequenzen fürs Theoretisieren nicht nur innerhalb der Psychoanalyse, sondern auch für Ontologie, Erkenntnistheorie und weiter Diskurse. Bei ihm ist wie bei Freud Gegenübertragung für das reserviert, was der Fortsetzung des analytischen Prozesses entgegensteht. Das ist sicher nicht nur der Widerstand des Analysanten. Rugenstein kommt den beunruhigenden Auswirkungen der Übertragung ganz nahe, wenn ihm durch genaue Lektüre von Freuds »Bemerkungen über die Übertragungsliebe« (59) auffällt, dass Freud »Realität« in Anführungsstrichen schreibt, wenn es um die Frage der Artifizialität der Liebe in der Analyse geht. Er bezeichnet das als die »Pointe des Ganzen« (60) »Realität als Metapher? – Das ist Übertragung« (60) – Lacan wird bei Rugenstein nur kurz erwähnt (106f).

Das Buch hat wesentliche Anregungen bei Jean Laplanche gefunden. Rugenstein ist darin nicht ideologisch. Er gibt Zeugnis davon, wohin die Übertragung(sliebe) fiel, die ein anderer Name für Verlangen, Neugierde, Begehren zu analysieren ist und dieses am Laufen hält.

Dem Buch ist anzumerken, dass Übertragung fortwirkt »als lebendige Vergangenheit […] unbewusst in der Gegenwart […] und in die Zukunft hinein« (13). Es gibt kein Jenseits der Übertragung. Sie nimmt viele mediale Formen an wie Rugenstein andeutet: u.a. rhetorische, medizinische, magnetische und linguistische. Bei Freud, entdeckt er »leseraktivierende Textstrategien« (24), die zur Übertragung verführen. Der Nachvollzug der Entwicklung des Freudschen Übertragungsbegriffs geht über die Charakterisierung: falsche Verknüpfung, Substitution, Transposition, Übersetzung, Wunsch, Assoziationszwang, Affekt(verschiebung), Vorstellung, Nachträglichkeit, Anlehnung, Abwehr, Affektbetrag, Abstinenz, Liebe und Sexualität. Es ist das Verdienst der Berichterstattung, deutlich zu machen, wie zentral Freuds Begriff der Übertragung in der dauernden Umgestaltung, Renovierung und Reparatur des Gebäudes der Psychoanalyse geworden ist, ganze Neubausiedlungen sind so entstanden.

Rugenstein diskutiert verschiedene rationalisierende Formen des Übertragungsverständnisses, hinter denen der Wunsch des Patienten verloren gehe, etwas in Analytikerinnen oder Analytikern sehen zu wollen.

Es ist ein Verdienst des Buches, viele Positionen zu referieren, die sich kritisch mit den überzogenen Erwartungen an die Nutzung der Gegenübertragung auseinandersetzen. Es geht dabei immer um den Versuch der Beherrschung des Unbewussten sei es auf Seiten des Analytikers oder des Analysanten, z. B. bei Merton Gill, Wilhelm Stekel, Franz Cohn. Rugenstein erinnert an die entscheidende Frage Fritz Morgenthalers nach den unbewussten Wünschen der Analysanten, die in ihren Analytikerinnen oder Analytikern eine bestimmte Gestalt zu finden hoffen (63). Er fasst die referierten Ansätze in drei Registern zusammen: Beherrschen, Deuten, Handhaben.

Bemerkenswert ist der Hinweis, dass es bei der Handhabung, mit Herbert Will, gesprochen Freud um den Handlungsaspekt des Analysierens bei laufender, nicht aufgelöster Übertragung gehe.

Betont wird mit Wilhelm Reich gegen Sterba (74), dass es nicht um Distanz sondern um Empfänglichkeit für das fremde Unbewusste gehe, das, so könnte man ergänzen, umgekehrt aus Richtung Analytiker beim Analysanten emergiert. Wenig bekannt, in eine ähnliche Richtung deutend, argumentiert die enge Mitarbeiterin Sandor Ferenczis Fanny von Hann-Kende, die die Unvermeidlichkeit der Gegenübertragung, wie der Übertragung selbst, herausarbeitet (75). Die manchmal euphorische Begrüßung der Position von Paula Heimann zur Gegenübertragung wird begründete Skepsis entgegengebracht: Die Gegenübertragung könne nicht Instrument sein, um zu erfahren, was denn wirklich in den Analysantinnen und Analysanten vorgeht. Differenzierter aber wegen der verspäteten Publikation weniger bekannt sind die Beiträge zu Übertragung und Gegenübertragung des in Galizien geborenen Argentiniers Heinrich Racker, die die Responsivität im Arbeiten betont. Dieses Motiv finde sich auch bei Donald W. Winnicott: Wir sollten unseren Analysanten erlauben, etwas mit uns zu machen (81). Das hat Verwandtschaft mit den Auswirkungen der projektiven Identifizierung bei Melanie Klein und Wilfried R. Bion (81).

Unter der Überschrift Intersubjektive Dynamik der Übertragung. Sich abarbeiten am Anderen.« (91) wird das Konzept von Jean Laplanche eingebracht. In dessen Zentrum steht die Auseinandersetzung mit dem Anderen. Ich picke nur etwas heraus: Bei dieser als Einführung wertvollen, sinnvoll abgekürzten Darstellung einer umfänglichen Auseinandersetzung ist dem Rezenten aufgefallen: Rugenstein unterscheidet immer zwischen den Positionen des Analytikers und des Analysanten, im Überblick (92) zur Position Laplanches ist diese Unterscheidung verschwunden. Ist das ein heimliches Echo der Lehrjahre Jean Laplanches bei Jacques Lacan? Lacan hat in unterschiedlichen Formulierungen davon gesprochen, dass die Übertragung zunächst einmal eine sei und nur methodisch von Gegenübertragung des Analytikers gesprochen werden kann und es ferner nicht klärbar ist, ob nicht auch die Übertragung des Analysanten, im Sinne der historisch gängig gewordenen Unterscheidung, auch Gegenübertragung auf die Übertragung des Analytikers ist, zu mindestens Anteile davon hat. Denn auch der Analytiker ist porös.

Es wird eine eher klassische Anthropologie von Laplanche genutzt, ein Einfallstor für Normatives: Wieso eigentlich ist der Mensch viel zu früh geboren und nicht die anderen Säugetiere viel zu spät? Schon in dieser Aussage zuckt die Sehnsucht nach bürgerlicher Autonomie nach, zumindest, was die Bewegung zur Nahrungsquelle angeht. Sie wird Wunschprojektion bei Säugetieren gefunden und daraus wird in der Mangelversion dann eine »biologisch verankerte Sphäre der Bindung« (94).

Vielleicht ließen sich die produktiven Hinweise Laplanche auf die »Verführung«, auf den sexuellen Impakt der Beziehung zum Kind durch den Erwachsenen bei der Pflege, nicht ausschließlich als Effekte eines infantil Sexuellen, sondern zudem eines adult Sexuellen verstehen. Beides ist in der Präsenz ungleichzeitig, war wohl nie symmetrisch, könnte nur unter Beziehungen auf Augenhöhe als kompromittiert bezeichnet werden (96). Hier kommt eine Reinheit und idealisierte Symmetrie ins Buch, gegen die Rugenstein durch die Auswahl der Ansätze und ihre kluge Diskussion angeht, gegen die Sehnsucht nach einer Objektivierungsmöglichkeit, die den Analytiker nicht anstecken würde

Um die Bezeichnung Kompromittierung zu retten, könnte man sagen: Erst die nicht aufgehende, »verunreinigte« Symmetrie, die nie existierte, gebiert das Rätsel, das der gegenseitig Andere ist. Das folgende Erraten, wäre eine Übersetzung für Übertragung, das Rätsel ist nach Grimm auch »in dem allgemeinen sinne eines gegenstandes für sorge, nachdenken und überlegung, daher auch conjectura, problema, parabola, propositio glossiert«

Weiterzuarbeiten lohnt sich an der von Rugenstein mit Laplanche und dessen Bezug auf Messmers baquet herausgehobene energetische und materielle Dimension der Übertragung (102).

Behrzenswert ist Rugensteins Aufruf »Hände weg von der Hermeneutik!« (110) Hermeneutik sei nicht »Aufgabe des Analytikers, sondern die Aufgabe des Patienten«. Auch letzterer sollte nicht verstehen oder übersetzen, sondern ebenso wie der Analytiker Momente oder Tage von transfert creux; wörtlich ausgehöhlte Übertragung (110), erzeugen für überraschende Füllungen durch wen auch immer. Reflexe auf die große Verunsicherung für den Bau von Theorien kann man in der Rede von einer »ursprünglichen Übertragung« (Laplanche zit. auf S. 111) sehen, so habe ich Rugenstein mit Laplanche verstanden: Übertragung regt schon seit Urzeiten zur Assoziation im Sozialen an. Das psychoanalytische Setting wäre dann der fiktional und artifiziell wirksame Versuch, immer wieder einen Fuß in die Tür einer für immer sinnhaften Schließfolgerung zu stellen.

Das entspräche auch Rugensteins Anregungen für die Praxis (113ff.), die mit zehn Prinzipien abgeschlossen werden. Deren 10. lautet aus der Sicht des Analytikers geschrieben: »Ermögliche eine Übertragung der Übertragung: Arbeite nicht darauf hin, das Verhältnis zum Rätsel des Anderen am Ende der Analyse abzuschließen, sondern es lebendig zu halten und so ins Leben zu übertragen.« (141) Und wenn das auch Maxime des Analysanten wird, dann ist das Widerstandsmoment der Übertragung, deren andere Gestalt, Movens für ein Ende der Analyse.

Übertragung als Widerstand ist ein bisschen zu kurz gekommen im instruktiven Buch.

Das Buch ist ein instruktives Repetitorium mit neuen und vergessenen Aspekten.