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<!DOCTYPE article PUBLIC "-//NLM//DTD JATS (Z39.96) Journal Publishing DTD v1.2 20190208//EN" "https://jats.nlm.nih.gov/publishing/1.2/JATS-journalpublishing1.dtd">
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        <journal-title>RISS</journal-title>
        <journal-subtitle>Zeitschrift für Psychoanalyse</journal-subtitle>
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      <issn publication-format="print">1019-1976</issn>
      <issn publication-format="electronic">2944-0122</issn>
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        <publisher-name>RISS.Verein für Psychoanalyse e.V.</publisher-name>
        <publisher-loc>Berlin</publisher-loc>
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      <article-id pub-id-type="doi">10.21248/riss.2024.100.15</article-id>
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        <article-title>The Merit of Loving an <italic>Undying</italic> Horse</article-title>
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          <trans-title>Le mérite d'un cheval qui ne meurt pas</trans-title>
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          <trans-title>The Merit of Loving an Undying Horse</trans-title>
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      <pub-date publication-format="hybrid" date-type="pub" iso-8601-date="2024-12-13">
        <day>13</day><month>12</month><year>2024</year>
      </pub-date>

      <issue>100</issue>
      <issue-id pub-id-type="doi">10.21248/riss.2024.100</issue-id>
      <issue-title>Ohne Gewähr</issue-title>
      <isbn content-type="e-book">978-3-911681-02-5</isbn>

      <fpage>86</fpage>
      <lpage>95</lpage>
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        <copyright-statement>&#xa9; by the author(s)</copyright-statement>
        <copyright-year>2024</copyright-year> 
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          <license-p>Except for images or otherwise noted, this publication is licensed under a Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License.</license-p> 
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      <abstract>
        <p>Der Autor befragt das Verhältnis von Psychoanalyse und empirisch basierter Psychologie sowie den prekären Status der Psychoanalyse an der Universität.</p>
      </abstract>
      <trans-abstract xml:lang="fr">
        <p>L'auteur interroge le rapport entre la psychanalyse et la psychologie basée sur l'empirisme ainsi que le statut précaire de la psychanalyse à l'université.</p>
      </trans-abstract>
      <trans-abstract xml:lang="en">
        <p>The author questions the relationship between psychoanalysis and empirically based psychology as well as the precarious status of psychoanalysis at the university.</p>
      </trans-abstract>
      <kwd-group>
        <kwd>Institution</kwd>
        <kwd>Empirie</kwd>
        <kwd>Unbewusstes</kwd>
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    <fig id="fig1">
      <caption>
        <title>Abb.1 Mann auf totem/liegendem Pferd. Sheboygan, Wisconsin, um 1879.<xref ref-type="fn" rid="footnote-1">1</xref></title>
      </caption>
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    </fig>
    <p>Wo immer die Psychoanalyse etwas zu sagen hatte, wurde und wird sie bis heute von leidenschaftlicher Kritik begleitet. Dass solch eine Kritik in Deutschland aktuell weitgehend fehlt, zeigt wahrscheinlich ihren eher marginalen Einfluss auf die politische, kulturelle und wissenschaftliche Öffentlichkeit. Über vereinzelte historische Würdigungen, freundliche Wiederbelebungsversuche und Nachrufe hinaus ist jenseits der analytischen Community wenig zu hören. Einige wenige Kritiken der kolonialen und antifeministischen Aspekte der Freud’schen Theorie bilden vielleicht die Ausnahme.</p>
    <p>Das bereits in Kraft getretene neue Psychotherapeutengesetz könnte daran etwas ändern. Denn die Psychoanalyse muss zurück an die psychologischen Fakultäten. Als vom Gemeinsamen Bundesausschuss als wirksam eingestuftes Psychotherapieverfahren muss sie im Master Psychotherapie gelehrt werden. Per Gesetz. Nicht weil sie sich im akademischen Streit durchgesetzt hätte und auch nicht aufgrund ihrer Verführungskräfte, die noch in den Kulturwissenschaften, in privaten Institutionen und therapeutischen Praxen verfangen. Nein, die Psychoanalyse muss zurück an die Uni, weil sie wirkt. Wie zur Zeit ihrer Entdeckung ist es ihre klinische Relevanz, ihre Bedeutung als Heilmethode, die ihr eine Stimme gibt. Allerdings als Psychotherapie, das heißt rehabilitiert als symptomreduzierendes und empirisch gestütztes Verfahren. Letzteres bringt sie in eine heikle Lage, denn sie wird im Feld der Psychologie durch zwei Diskurse neu autorisiert, zu denen sie ein sehr zwiespältiges Verhältnis hat: Erstens durch die quantitative Forschung und zweitens durch ihren Status als Psychotherapie, finanziert durch die Krankenkassen.</p>
    <p>Spannend ist diese zweifelhafte Ehre, weil diese Autorisierung sich zwar auf ihre Wirksamkeit, nicht aber auf die psychoanalytischen Theorien bezieht. Sieht man von eher kognitions- und emotionsfokussierten Ablegern wie der mentalisierungsbasierten Psychotherapie ab, sind die Kernkonzepte der meisten psychoanalytischen Schulen nicht quantitativ erforschbar, und dass es unsere Deutungen sind, die das bewirken, was die Krankenkasse als Besserung versteht, ist im Grunde eine, wenn auch naheliegende, Spekulation. Das Unbewusste, Triebschicksale, das Reale, unbewusste Phantasien und Objektbeziehungen, präsymbolische Beta-Elemente, das Sexuale: Die Psychoanalyse ist voll von axiomatisch Unverfügbarem, welches sich der im Experiment geforderten Operationalisierung qua Definition entzieht. Die Analyse behauptet, sich in der Anerkennung dieses Unregulierbaren ethisch auf die Seite des Singulären zu schlagen, die Seite des einzigartigen Subjekts und der Singularität der je eigenen psychoanalytischen Erfahrung, und dies gegen Suggestion, Normierung und Kontrolle von außen. Sie vertritt, wie im Editorial zu diesem Heft formuliert, eine Ethik des Mutes gegen die Absicherung, gegen die Angst vorm Zufälligen, man könnte auch sagen: die Angst vor dem wirklich Neuen.</p>
    <p>Dass die leidenschaftliche Ablehnung der Psychoanalyse mit Angst vor dem Neuen zu tun habe, ist wiederum nicht so neu. So vergleicht Freud seine leidenschaftlichsten Kritiker*innen schon 1925 mit fremdelnden Säuglingen, ängstlich-abergläubischen Frömmlern und traditionsverhafteten Bauern, auch wenn er in etwas paternalistischer Weise ihre jeweilige Abwehrleistung anerkennt:</p>
    <disp-quote><p>In allen Fällen handelt es sich um die nämliche Unlust, die beim Kinde elementaren Ausdruck findet, beim Frommen kunstvoll beschwichtigt, beim Bauern zum Motiv einer Entscheidung gemacht wird. Die Quelle dieser Unlust aber ist der Anspruch, den das Neue an das Seelenleben stellt, der psychische Aufwand, den es fordert, die bis zur angstvollen Erwartung gesteigerte Unsicherheit, die es mit sich bringt.<xref ref-type="fn" rid="footnote-2">2</xref></p></disp-quote>
    <p>Ganz der Arzt, der er ist, springt Freud seinen Feinden zugleich deutend bei und erklärt Ihnen kulturtheoretisch und sozialpsychologisch die wahren Wurzeln ihrer Ablehnung der Psychoanalyse:</p>
      <disp-quote><p>Die Situation folgte einer einfachen Formel: die Menschen benahmen sich gegen die Psychoanalyse als Masse genau wie der einzelne Neurotiker, den man wegen seiner Beschwerden in Behandlung genommen hatte, dem man aber in geduldiger Arbeit nachweisen konnte, daß alles so vorgefallen war, wie man es behauptete.<xref ref-type="fn" rid="footnote-3">3</xref></p></disp-quote> 
    <p>Abgesehen von dem autoritären Zug, den die wilden Deutungen Freuds hier annehmen und der vielleicht etwas mit dem entwertenden und gehässigen Umgang mit seiner Arbeit und Person zu tun hat, konnte Freud mit seiner Entdeckung der frühkindlichen Sexualität zumindest tatsächlich für sich in Anspruch nehmen, etwas Neues in den psycho-medizinischen Diskurs einzubringen. Er konnte also mit einigem Recht behaupten, altes Wissen und die rigide Sexualmoral seiner Zeit zu erschüttern. Mein Eindruck ist, dass sich aus diesem Selbstverständnis seit <italic>Die Widerstände gegen die Psychoanalyse</italic> in unserer Disziplin eine gewisse Tradition etabliert hat, mit leidenschaftlichen Kritiken an der Analyse umzugehen. Wie in Freuds Text deutet man sie entweder als individuelle oder gesellschaftliche Widerstände oder als Ausdruck eines rigiden Moralismus. In einer anderen Variante unterstellt man den Kritiker*innen ein politisches Ressentiment oder einen autoritären Szientismus und wirft ihnen vor, das Seelenleben zu biologisieren und zu ökonomisieren.<xref ref-type="fn" rid="footnote-4">4</xref> So leidenschaftlich ungerecht die Kritiken auch sein mögen, auf welche diese Deutungen reagieren, mir scheint, dass dieser Umgang vermeidet, in ihnen etwas anderes, vielleicht auch Neues, radikal in Frage Stellendes zu hören. Mit der Deutung, die Anderen hätten Angst vorm Unregulierbaren des Triebs, des Sexuellen, des Unbewussten, sichern wir uns ab.</p>
    <p>Entscheidend ist, denke ich, dass wir zunächst in heutigen Psychologieseminaren aus einer völlig anderen Position sprechen, sicher nicht wie Freud aus der eines Vertreters einer neuen revolutionären Disziplin. Aus meiner eigenen Erfahrung muss ich sagen, dass der erste Vorbehalt gegen die Analyse gerade ist, dass sie veraltet sei und es nicht geschafft habe, neue Impulse der psychologisch-wissenschaftlichen Forschung und emanzipatorische Politiken aufzunehmen. Konnte sich Freud noch als Kämpfer gegen eine rigide Sexualmoral verstehen, wird man als Psychoanalytiker*in mitunter zunächst mal eher als Vertreter*in einer antiquierten Theorie der Geschlechterverhältnisse wahrgenommen. Und tatsächlich würde ich vermuten, dass die Herausforderungen durch nicht binäre Sexualitäten erst einmal mehr Verunsicherung in einer Psychoanalytiker*in auslösen, für welche*n der Ödipuskomplex eine zentrale Orientierung ist, als für eine*n Psychologiestudenten*in in ihren*seinen Zwanzigern. Darüber hinaus ist um die Frage, ob das Eintreten für die vermeintlich freie Rede über den Sex etwas antimoralistisch Emanzipatorisches oder unethisch Reaktionäres sei, eine spannende Diskussion entflammt, in welcher die Grenzen des Sagbaren neu ausgehandelt werden. Sich unkritisch auf die Seite der freien Rede zu schlagen, was auch immer das sein soll, würde verleugnen, dass auch wir nie alles aushalten konnten und deshalb unsere Analysand*innen eben auch nie alles sagen durften.</p>
    <p>Wenn die Psychoanalyse sowohl im Wissenschaftsdiskurs als auch sexualpolitisch als antiquiert, unverbunden isoliert und bisweilen normativ reaktionär wahrgenommen wird, dürfte die Behauptung, sie sei die Theorie des Unregulierbaren, Singulären und radikal Anderen, einigen Widerspruch auslösen. Persönlich muss ich sagen, dass mir erst durch eine Dozentenstelle in der Psychologie aufgefallen ist, wie stark mein theoretisches Wissen durch die mit psychoanalytischen Kolleg*innen geteilte Erfahrung abgesichert war und wieviel Unsicherheit und Zweifel die Konfrontation mit dem psychologischen Diskurs in mir auslöste und immer noch auslöst. Die Frage, welche Erfahrung die Annahme eines Unbewussten plausibel oder zumindest plausibler macht als die Annahme, dass es eine Hölle gibt (manchmal ist ja beides dasselbe), musste ich mir lange nicht mehr gefallen lassen. Und mit einiger Peinlichkeit musste ich bei der Seminarvorbereitung feststellen, dass ich die Varianten des Ödipuskomplexes bei Homosexualität erst wieder nachlesen musste.<xref ref-type="fn" rid="footnote-5">5</xref></p>
    <p>Auch wenn ich die beschriebene Außenwahrnehmung unseres Fachs nicht teile, bin ich überzeugt, dass die Tatsache, dass sich die Psychoanalyse immer wieder neu als Theorie des Unregulierbaren, Singulären und radikal Anderen positionieren will, viel damit zu tun hat, wie sie mit ihren Kritiken, auch den leidenschaftlichen, umgeht und wie sie sie hörend aufnehmen kann, auch wenn sie sich nicht alles gefallen lassen muss. <italic>On the merit of flogging dead horses</italic> nennt der israelische Wissenschaftshistoriker Joseph Agassi sein Plädoyer, auch gründlich widerlegte Theorien neu zu prüfen.<xref ref-type="fn" rid="footnote-6">6</xref> Darin steckt vielleicht eine Forderung an den psychologischen Diskurs, seine Ablehnung der Psychoanalyse erneut zu hinterfragen. Wo wird hier rituell für tot erklärt, was einmal auf kluge Köpfe losgelassen schon seine Verführungskraft entfaltet? – auch eine Lust zu wissen! Wir wiederum sind gefordert, die radikalen Kritiken neu zu hören, auch die traditionell gut widerlegten. Das kann etwas Brutales haben und sich wie Prügel auf dem Rücken eines geliebten Pferdes anfühlen. An anderer Stelle schleicht sich vielleicht eher zart die Erkenntnis ein, dass wir von liebgewonnenen Überzeugungen Abschied nehmen müssen, die wir in dem heimlichen Wissen, dass wir sie eigentlich schon verloren haben, zu lang vorangetrieben haben.</p>
    <p>Was mich an der Kritik von Studierenden neu berührt hat, ist, dass die Forderung nach empirischer Absicherung nicht primär mit der Absicherung von Wissen begründet wird, sondern vor allem mit der Angst vor Machtmissbrauch in der Therapie. Es ist die Sorge, wir könnten den Patient*innen unsere Vorstellungen von einem gelungenen Leben, vielleicht auch einer gelungenen geschlechtlichen Identität aufzwingen, ohne diese Vorstellungen von außen befragen zu lassen, oder Schlimmeres. Es ließe sich entgegnen, dass es ja nicht unsere Aufgabe sei, uns an den Platz des Wissenden zu setzen, sondern vielmehr <italic>lege artis</italic> diesen Platz gerade freizuhalten. Aber können wir das überhaupt? Wenn Patient*innen im Verlauf der Therapie in starke regressive Abhängigkeit zu uns geraten, vermitteln sich unsere vorbewussten und unbewussten Wünsche, auch Einstellungen und Vorurteile unbemerkt in den kleinsten Gesten und affektiven Äußerungen, wie durch die Muttermilch. Ich denke, dass in der Angst der Studierenden, die leicht als regressive Ängste weggedeutet werden könnten, ein vorbewusstes Wissen über unsere frühste Abhängigkeit und die Ursprünge unserer Subjektivierung mit dem ersten Anderen steckt. Sie verweist uns auch auf die Tatsache, dass Macht und Unterwerfung nicht erst durch den Vater* in die Welt kommen, sondern unsere ersten weit schwerer zu entwirrenden Bindungen durchzieht.<xref ref-type="fn" rid="footnote-7">7</xref> Nicht zuletzt hebt sie schlicht die Spezifik der Psychoanalyse als einziges Verfahren, welches in Regression durchgeführt wird, heraus. Zwar wird gegen die Gefahr der Suggestion und des Machtmissbrauchs häufig ein Ethos der lebenslangen Befragung von außen beschworen, aber faktisch ist es ein Leichtes, sich nach der Approbation ins Private zurückzuziehen. Dem entspricht, dass sich die Analyse in den Universitäten, Kliniken, Schulen, Kindergärten und auch medial weiterhin im Rückzug befindet.</p>
    <p>Ich denke, dass es nicht nur eine Hybris ist, den Platz der Wissenden einzunehmen, sondern ebenso, diesen ohne Befragung von außen freihalten zu können, eine Hybris, die im Missbrauch<xref ref-type="fn" rid="footnote-8">8</xref> enden kann. Vielleicht wäre es hier hilfreich, uns immer wieder daran zu erinnern, dass unsere Abhängigkeit von diesem Außenblick keine Frage des Talents, sondern eine strukturelle Notwendigkeit unserer Arbeit ist, der Arbeit mit dem Unbewussten, in welcher das Unbewusste mit uns arbeitet.</p>
    <p>Letzteres bleibt dabei aber eben das geliebte Rätsel unserer Methode, dass wir bei aller Diagnostik nicht wissen können, wer da in unsere Behandlung kommt und wer am Ende wieder geht. Und dass wir bei aller Theorie, die uns zur Verfügung steht, nie wissen, was in der nächsten Stunde passiert und dass es wahrscheinlich ein Moment des Widerstands gegen unsere Deutungen sein wird, ein Moment des Unverstehens, an dem sich trotzdem etwas ändern kann. Diese Erfahrung lässt sich tatsächlich nicht quantitativ experimentell absichern, denn die Vorzüge experimenteller Kausalität und Wiederholbarkeit sind dem Unbewussten wohl egal.</p>
    <p>Anders könnte man aber fragen, welche Empirie es denn bräuchte, um die Analyse zu bewegen, vielleicht neu zu inspirieren? Ist ein anderer Vater* als der, der die Wahrheit garantiert, denkbar – ein schützender beruhigender, herausfordernder, der Neugier ermöglicht? Lacan war ganz fasziniert von den Experimenten des Kleinkinds vor dem Spiegel. Vielleicht eine Empirie, die anerkennt, dass es Bereiche der Analyse gibt, die sie nicht beleuchten kann, weil sie einer anderen Logik und Zeitlichkeit folgen, auch weil hier das Unverstehbare zum Konzept wird. Mich würde brennend interessieren, was die aktuelle empirische Forschung zur frühkindlichen Sexualität zu sagen hat. Interessanterweise lässt sich kaum etwas finden, und wenn, ist es fast ausschließlich Forschung zum sexuellen Missbrauch. Vielleicht besteht hier insofern ein Unterschied zu Freuds Gesellschaft, als die wissenschaftliche Beschäftigung mit frühkindlicher Sexualität heute zumindest in progressiven Kreisen nicht durch moralische Vorbehalte, sondern durch eine zunächst einmal begrüßenswerte Sorge vor Missbrauch stark eingeschränkt ist. Ich denke, die Analyse kann hier hilfreich sein, um eine Balance zwischen Schutz und Förderung von Neugier zu finden, letztlich auch mit dem Ziel, dass unsere Ängste nicht zu denen unserer Patient*innen werden.</p>
    <p>Zuletzt halte ich es für unerlässlich, dass sich die Psychoanalyse auch als Theorie eines Wissens neben der quantitativen Forschung behauptet. In Diskussionen mit Studierenden finde ich es bemerkenswert, wie stark letztere mit <italic>dem Wissen</italic> gleichgesetzt wird. Dabei wird die Abhängigkeit dieser Empirie von qualitativer Forschung, Philosophie, Soziologie, Literaturwissenschaft, Ästhetik etc. allein in der Begriffsbildung kaum wahrgenommen und damit auch die Begrenztheit ihres Forschungsbereichs kaum bedacht. Zuletzt besteht zwischen den aufgezählten Disziplinen und der Analyse wohl eine größere Nähe als zur Empirie, die es manchmal einfacher macht, uns kritisch begleiten zu lassen. Ich denke, es braucht eben gerade diese Tanten* und Onkel*, um uns als Analytiker*innen nicht in unseren Idiosynkrasien zu verbeißen. Ich denke, um zwischen diesen und der Analyse Kontakt zu halten, braucht es den RISS.</p>
  </body>
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    <fn-group>
      <fn id="footnote-1">
        <label>1</label>
        <p>Autor*in der Abbildung unbekannt. Auch ob die Abbildung eine Dressur oder ein totes Pferd zeigt, ist umstritten. Vgl. Coleen Fitzpatrick, <italic>The Dead Horse Investigation – Update</italic>, 2010 &lt;<uri>https://web.archive.org/web/20200807052530/https://identifinders.wordpress.com/2010/11/26/the-dead-horse-investigation-update</uri>> [letzter Aufruf 8.12.2023] &lt;<uri>https://en.wikipedia.org/wiki/Flogging_a_dead_horse#/media/File:Man_sitting_on_a_dead_horse_(1876_-_1884)_(retouched).jpg></uri>[letzter Aufruf 8.12.2023]</p>
      </fn>
      <fn id="footnote-2">
        <label>2</label>
        <p>Sigmund Freud, <italic>Die Widerstände gegen die Psychoanalyse</italic>, in ders., <italic>Gesammelte Werke</italic>, 17 Bde., London 1940–52, Imago, XIV, 1948, 99–110: 99.</p>
      </fn>
      <fn id="footnote-3">
        <label>3</label>
        <p>Ebd., S. 104.</p>
      </fn>
      <fn id="footnote-4">
        <label>4</label>
        <p>Ähnliche Passagen lassen sich beispielsweise bei Roudinesco finden. Elisabeth Roudinesco, <italic>Doch warum so viel Hass?</italic> Wien 2011, Turia + Kant, 34, 45–48.</p>
      </fn>
      <fn id="footnote-5">
        <label>5</label>
        <p>Ich gehe davon aus, dass ich mit dieser Peinlichkeit nicht allein bin. Denn zwar ist die Entpathologisierung der (männlichen) Homosexualität, verbunden mit dem Namen Fritz Morgenthaler, bereits seit den 1980er Jahren ein Thema der deutschen Psychoanalyse. Dass 2023 in der <italic>Psyche</italic> ein Grundlagentext eben jenen nichtpathologischen Verlauf des Ödipuskomplex bei männlicher (!) Homosexualität erst einmal nachzeichnet, macht aber deutlich, dass dessen Varianten in unserem Feld nie zu einem Grundlagenwissen geworden sind. Günter Holler, <italic>Der schwierige Weg vom proto-homosexuellen Jungen zum schwulen Mann. Die normale homosexuelle Entwicklung und ihre Störungen</italic>, in <italic>Psyche</italic>, 77:5 (2023), 377–401.</p>
      </fn>
      <fn id="footnote-6">
        <label>6</label>
        <p>Joseph Agassi, <italic>Fourth Preliminary Essay: On the Merit of Flogging Dead Horses</italic>, in ders., <italic>Science and Its History: A Reassessment of the Historiography of Science</italic>, Berlin 2008, Springer, 91–116.</p>
      </fn>
      <fn id="footnote-7">
        <label>7</label>
        <p>Natürlich ist diese Erkenntnis kein Novum. Ich habe aber den Eindruck, dass die Losung Vater = Gesetz immer noch eine gewisse Zähigkeit verbreitet, ihre Implikationen voll auszuarbeiten. Vgl. Jessica Benjamin, <italic>Die Fesseln der Liebe. Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht</italic>, übersetzt v. Nils Thomas Lindquist, Diana Müller, Frankfurt a. M. 1990, Stroemfeld; Geneviève Morel, <italic>Das Gesetz der Mutter. Versuch über das sexuelle Sinthom</italic>, übersetzt v. Anna-Lisa Dieter, Wien 2017, Turia + Kant.</p>
      </fn>
      <fn id="footnote-8">
        <label>8</label>
        <p>Vgl. Bettina Schuhrke, <italic>Die psychosexuelle Entwicklung in der frühen Kindheit</italic>, in <italic>Frühe Kindheit – die ersten sechs Jahre</italic>, 17:3 (2014): <italic>Themenheft Sexualpädagogik</italic>, 6–13.</p>
      </fn>
    </fn-group>
  </back>
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