Editorial
DOI:
https://doi.org/10.21248/riss.2022.97.562Abstract
Un geistert durch die Sprachen, arbeitet mit den Wörtern, gegen die Wörter, Begriffe und Strukturen, an die es sich heftet. Weit mehr als ein Verneinungspartikel verunsichert es als Morphem, als Artikel, als (Zahl-)Wort oder gar als schiere Buchstabenfolge die Semantik des Wortes, vor das es sich stellt. Un eröffnet Denkräume, deutet auf Latenzen hin und oszilliert zwischen sprachlichen Funktionen [...] Die Psychoanalyse, wie sie von Freud auf Deutsch formuliert wurde, knüpft an das philologische Erbe dieses besonderen Gehörs auf die Partikel un an. Un wird Freud zur »Marke der Verdrängung«, wie er in Das Unheimliche dieses Morphem direkt adressiert und benennt. Die psychoanalytische Aufmerksamkeit für die Winkelzüge von un erkennt in seiner vermeintlich »productive(n) kraft« nicht nur die der Verneinung, sondern vor allem die eines Entzugs, die Unmöglichkeit des Subjekts, mit sich je eins zu sein. Der Hilfsbegriff des Unbewussten – neben anderen un-Wörtern in Freuds Werk wie dem Unbehagen, der Unendlichkeit und Unmöglichkeit der Analyse oder dem Unheimlichen – adressiert versuchsweise, immer wieder neu, eine Ambivalenz, durch die sich die freudschen Begriffsprägungen selbst dem Zugriff noch entziehen.
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Copyright (c) 2022 Judith Kasper, Regina Karl, Wolfgang Hottner

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