Editorial
DOI:
https://doi.org/10.21248/riss.2023.98.613Schlagworte:
Antisemitismus, Asemantisch, Halle-Prozess, PsychoanalyseAbstract
Die entscheidende Schwierigkeit, »über Antisemitismus« zu schreiben, Antisemitismus anzusprechen, liegt darin, dass es keine Position von außen gibt, von der her gesprochen werden könnte. Dies zu verkennen, scheint eines der Hauptprobleme in vielen Initiativen zu sein (deren ziviles Engagement und gute Absichten nicht infrage gestellt seien), die Antisemitismus als sprachliche und physische Gewalt im (nicht nur) bundesdeutschen Alltag anzeigen. In diesem Zusammenhang wird oft das Bedürfnis laut, zu definieren, was als antisemitisch zu gelten habe und was nicht, und man ist bestrebt, Klarheit zu schaffen. Definitionen, die dieses Bedürfnis stillen wollen, bringen aber weitere Probleme mit sich. Denn wie etwas adressieren, das uns als zentrales und zugleich extrem dezentriertes, disseminiertes, jahrhundertealtes und brandaktuelles Problem heimsucht: antisemitische Gewalt, im Versuch des Eingedenkens, dass wir selbst und auch noch unser Versuch, den Antisemitismus endlich eindeutig in den Griff zu kriegen, Teil dieses Problems sind. Die Komplizierung zwingt zu Verlängerungen, Umwegen. Auf ihnen wird vielleicht etwas hörbar, was im Wunsch, das Problem am Schopf zu packen, um es zu beseitigen (ein Phantasma, das an einem Zipfel noch mit dem antisemitischen Phantasma verbunden ist, dass der »Jude« »die Wurzel aller Probleme« sei, siehe das Dossier zum »Halle-Prozess«), unterdrückt wird. Noch der Wunsch, für das anhaltende Problem eine »endgültige Lösung« finden zu wollen, gehört auf die Seite des Phantasmas.
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Copyright (c) 2023 Judith Kasper, Karl-Josef Pazzini, Mai Wegener

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