Es gibt keine Masturbation
Ein Editorial
DOI:
https://doi.org/10.21248/riss.2023.99.653Schlagworte:
Masturbation, Selbst, Freud, Lacan, PathologieAbstract
»Wir sind ja alle in dem Urteil einig, daß das Thema der Onanie schier unerschöpflich ist«, so beschloss Sigmund Freud die kontroversen Diskussionen der Mittwochsgesellschaft (1911/12), nicht ohne auf die Masturbation als eine Praxis anzuspielen, die durch keine äußeren Faktoren limitiert sei. So schien es ihm. Endlos scheinen derweil auch die möglichen Bedeutungen, die die Selbstbefriedigung für die Menschen annehmen kann. Als todbringende Krankheit (mit symptomalen Ausdrücken wie Schwindsucht, Epilepsie oder Wahnsinn) und als Schandtat des Individuums bekämpfte sie eine sich vermeintlich in der Aufklärung befindliche Epoche. Zu einem emanzipatorischen Akt der Selbsterkundung und Autonomisierung werteten sie dagegen insbesondere Vertreterinnen der zweiten Frauenbewegung auf. Als Gefahr, sobald sie im Verbund mit Pornografie auftrete, erscheint sie den feministischen oder ums Kindeswohl besorgten Pornografiegegner*innen. Zur schuldfrei praktizierten »eigenen Sexualform« erklärt sie die Sexualsoziologie, die um die Jahrtausendwende beobachtete, dass auch in emotional wie sexuell zufriedenstellenden Beziehungen zunehmend masturbiert werde. Immer noch, wenn auch latent, mit alten Konflikten und Ängsten beladen, ist sie dagegen der klinischen Erfahrung mancher Psychoanalytiker*innen zufolge. Als evolutionär wertvoll bewertet sie inzwischen die Primatenforschung. Als vulgärer Egoismus taucht sie immer noch in Form der Beleidigung auf (»Wichser«). Zum Hemmnis für den eigenen Erfolg erklärt sie neuerdings eine digitale Männerbewegung, die sich die Masturbationsabstinenz auf die Fahnen schreibt. Als Akt von Wellness und Selbstfürsorge wird sie in einem neuen Gesundheitsdiskurs beworben, gar als Einschlafhilfe von einer deutschen Krankenkasse empfohlen… Kurzum: Es scheint, als sei kaum eine als sexuell eingeschätzte Tätigkeit so vieldeutig wie die Masturbation. Masturbation existiert genauso wenig wie eine sexuelle Beziehung. Und weil Masturbation nicht existiert, ist der Drang groß, sie zu definieren, mit Wert, auch ökonomischem, zu verbinden, sie moralisch und ethisch einzuordnen.
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